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Süddeutsche Zeitung

 

Die dreidimensionale Fotografie

Pierre Ittner Serie "Jumping Into Blue Roads" im Nachtcafè

Mit Fotos ist es ja nun immer so eine Sache: Sie halten nur sehr unvollständig das fest, was man sieht. Einerseits. Sie sind nun mal zweidimensional, und manchmal geht die Tiefe eben ab. Andererseits können Fotos unter Umständen gerade deshalb sehr viel aussagen --- weil sie erst einmal nur das sehen, was da ist, und weil auf ihnen keine dritte Dimension, keine schnell ablaufende Bewegung von dem ablenken kann, was tatsächlich vor der Linse steht. Und gelegentlich ist man auch überrascht, was man da alles fotografiert hat, wenn die Bilder von der Entwicklung kommen: Das war tatsächlich drauf? Ist mir gar nicht aufgefallen! Der junge Münchner Fotograf, Maler und Designer Pierre Ittner ist einer, der sich dieser Dinge sehr bewusst ist, und vielleicht war es ihm deshalb eines Tages nicht mehr genug, nur zweidimensionale Fotos zu machen. Nun ist der Wunsch, den zweidimensionalen Bildraum zu verlassen in der Kunstgeschichte eigentlich nichts Neues; in manchen Barockkirchen oder -schlössern kann man Deckengemälde sehen, in denen nicht nur pralle Putten die Ränder säumen, sondern in denen ganze Hände und Fäße aus dem flachen Bild herausgreifen.

So ähnlich, nur sehr viel konsequenter, arbeitet Pierre Ittner in seiner Fotoserie "Jumping Into Blue Roads", die derzeit (noch bis zum 15. Mai) im Nachtcafè zu sehen ist. Er hat, teilweise in penibler Kleinarbeit, zahlreiche Einzelheiten aus seinen Aufnahmen von Straßenszenen und Häusern in Weltstädten wie Buenos Aires, Paris, Lissabon, aber auch aus Miami und aus den Everglades herausgeschnitten und auf einen kleinen Sockel gestellt, um den Bildern noch mehr Tiefe zu geben. Das Resultat ist verblüffend und weit mehr als eine aufwendige Bastelarbeit: Plötzlich werden Strukturen sichtbar, die man vorher nicht erkannt hat, und je nach Standpunkt wird manches Bild fast, zu einem abstrakten Gemälde oder zu einem surrealistischen Vexierspiel, wenn Ittner nämlich gerade bei den offensichtlichsten Partien nur Teile des Bildes nach vorne treten lässt. Seine Bilder werden so weit mehr als nur ein dekorativer Scherz und erfüllen ihren Kunstanspruch aufs Raffinierteste.


 

Augsburger Allgemeine

 


 

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